Neu im Noir-Land

Ein Interview mit Tony Black

Ist Gus Dury der neue Rebus? Sein Schöpfer, von Beruf Journalist, hält solche Vergleiche für ein wenig vorschnell.

Die Fronten haben sich verkehrt für Tony Black. Aus dem Interviewer ist der Interviewte geworden. Der Edinburgher Journalist, dessen erster Roman jüngst erschienen ist, findet sich auf der anderen Seite des Tonbandgeräts wieder. „Jetzt verstehe ich auch“, sagt er und rutscht unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her, „warum die Leute nervös werden, wenn sie diese Dinger vor sich haben.“
Sein Roman Geopfert ist ein temporeicher, abgründiger und witziger Thriller, der in der schottischen Hauptstadt spielt. Protagonist ist ein gewisser Gus Dury, Mittdreißiger und ehemaliger Boulevardjournalist, der bei seinem Kampf gegen den Alkohol Job und Ehe verloren hat. Er ist nur noch einen Schritt weit entfernt vom Obdachlosenasyl, als ein Freund ihn bittet, herauszufinden, warum sein Sohnes sterben musste.

Der 36-jährige Black stellt gleich klar, dass er und Dury nur wenig gemein haben. Black hat einen festen Job und trinkt keinen Alkohol. „Mit Anfang dreißig habe ich begriffen, dass man irgendwann in den Zwanzigern mit dem Trinken Schluss machen sollte. Und ja, ich bin sehr glücklich verheiratet, um gleich ihrer nächsten Frage zuvorzukommen.“
Blacks Held Gus Dury wird immer wieder als Nachfolger von Rebus genannt, Edinburghs berühmtesten Kriminalbeamten, der erst vergangenen Herbst in Pension gegangen ist. „Es ist verrückt“, sagt Black, „einfach unfassbar, dass ein völlig Unbekannter wie ich mit einem Autor wie Ian Rankin verglichen wird. Rankin hat ein ganzes Genre erschaffen: Schottisch-Noir. Andererseits muss natürlich jeder neue schottische Autor, der seinen ersten Krimi vorlegt  automatisch mit ihm verglichen werden. Da ist jeder erst einmal  der neue Rankin.“ Es stimmt schon, ein Krimi-Autor, der seine Bücher in Edinburgh spielen lässt, hat immer auch seine illustren Vorgänger im Kopf. „Ian Rankins Schatten ist so groß, hätte ich vorher darüber nachgedacht, dann hätte ich wahrscheinlich nie zu schreiben begonnen. Mir ging es in erster Linie darum, den besten mir möglichen Roman zu schreiben, ohne mich groß darum zu kümmern, was sonst noch auf dem Markt war.“

Edinburgh ist eine Stadt, in der erschreckend viele Gewaltverbrechen begangen werden. „Wollte man ein Modell für den idealen Schauplatz eines Kriminalromans kreieren, dann würde dieses Edinburgh sehr nahe kommen. Edinburgh hat ein schizophrenes Herz. Da ist das reiche und das arme Edinburgh, da sind die prächtigen Bauten und die Problemviertel. Es ist unvermeidlich, dass diese zwei Welten aufeinanderprallen, woraus sich für den Kriminalromanautor die interessantesten Konfliktsituationen ergeben. Es ist die Stadt von Trainspotting, aber es ist auch die Stadt von Miss Jean Bodie.“

Wie viele aus Edinburgh stammende Krimiautoren vor ihm, orientiert sich auch Black in seinem Buch an der tatsächlichen Geographie der Stadt, doch im Unterschied zu Ian Rankin, der sich entschieden hat, real existierende Orte wie etwa die Oxford Bar zu verwenden, schafft Black sich seine Schauplätze lieber mithilfe der eigenen Phantasie. „Wenn ich eine Kneipe beschreiben würde, die ich kenne, dann würde dabei letztlich eher eine Reportage herauskommen, und solche habe ich schon zu Genüge abgeliefert.“ Trotzdem wird jeder ortsansässige Leser Gus Durys Edinburgh wiedererkennen, die Stadt der Verkehrsstaus und der Wochenendausflügler, der dicken SUVs, der „schottischen Souvenirläden mit lärmender Landeier-Musik“ und den schäbigen Kneipen, die in Weinstuben umgewandelt wurden. Dury hat eine freche Schnauze und einen ausgesprochen plastischen Schreibstil.

„Ja, es ist fast wie eine Therapie.“ Black grinst breit. „Und es ist billiger, als wenn ich zu einem Psychiater gehen würde. Mich interessiert, wie Menschen sich dem gesellschaftlichen Wandel anpassen. Gus ist ein Mann, der sich nicht angepasst hat, was vermutlich der Grund ist, warum er so viel Zeit damit verbringt, über die Umwälzungen in der Gesellschaft zu wettern.“
Obwohl Black hartnäckig darauf besteht, kein politischer Schriftsteller zu sein - „diese Art von  Katalogisierung allein reicht schon aus, dass ich keine Lust mehr habe, ein Buch zu lesen“ -, steht im Zentrum seines Romans die Wut über korrupte Polizisten, skrupellose Politiker sowie die schnelllebige Zeitungsbranche, die sich einen investigativen Journalismus à la Gus Dury zeitlich nicht mehr leisten kann. Black führt seinen Protagonisten in die dunkelsten Winkel der kriminellen Unterwelt: Menschenhandel mit lettischen Teenagern, die in die Prostitution gezwungen werden; korrupte Polizisten, die gern auch mal Gewalt austeilen; ein Gangster, der in einem Käfig einen Wolf hält.

Die Ereignisse und Figuren des Buches sind frei, doch Black sagt, er habe einen guten Einblick in die schäbige Seite des Lebens bekommen, als er für den Daily Record Nachtclub-Kritiken geschrieben hat. „Ich war damals in meinen Zwanzigern und es war ein Traumjob, obwohl es im Grunde genommen wirklich nicht viel über einen Nachtclub zu sagen gibt. Aber ich habe damals eine Menge zwielichtiger Clubbesitzer kennen gelernt. Mitten in der Nacht erhielt ich Anrufe wie: Soundso kippt gerade Benzin auf das Dachs seines Clubs, um die Versicherung abzukassieren.‘ Mit solchen Leuten habe ich damals verkehrt.“

Dury selbst tauchte einige Jahre später auf, als Black, - zu dem Zeitpunkt Reporter bei Press and Journal in Inverness – an der Pressekonferenz eines Ministers teilnahm. „Es war reine Routine, wir gingen zu der Pressekonferenz in der Erwartung, eine gute Story zu bekommen, aber der Minister redete nur zwei oder drei Minuten und wollte sich dann in seine Limousine flüchten. Doch ich wollte die Story unbedingt haben, also habe ich versucht, ihn auf der Treppe abzufangen, woraufhin ich sofort von den Männern in schwarzen Anzügen umzingelt wurde. Als ich dann mein Tonbandgerät herausholte, tauchten links und rechts neben mir die Pressesprecher-Lakaien auf und packten ihre eigenen Aufnahmegeräte aus. Ich habe auf keine einzige meiner Fragen eine Antwort erhalten. Das hat mich maßlos geärgert. Ich begann mir vorzustellen, wie ein solches Verhalten bei jemandem ankommen könnte, der eine andere Persönlichkeit hat als ich, und so wurde Gus Dury geboren.“

Black schrieb an seinem Roman, während er für eine Tageszeitung im Australischen Victoria arbeitete. „Damals starb mein Vater, worauf sich wahrscheinlich vieles von dem Vater-Sohn-Konflikt im Roman zurückführen lässt.“ Er beeilt sich hinzuzufügen, dass sein Vater nicht einmal annähernd so gewesen ist wie Cannis Dury, die ehemalige Fußball-Legende, der seine Aggressivität regelmäßog an seiner Familie auslässt. Blacks Vater hatte als Rugby-Profi Länderspiele für Schottland gespielt, aber damit endet auch schon jede Ähnlichkeit.

Geopfert ist bereits Blacks fünfter Roman. Für die ersten vier hatte er zwar Agenten gefunden, aber keinen Verlag. Alle fünf schrieb er neben seinem Vollzeitjob als Journalist. Er hatte sich vorgenommen, täglich 2.000 Worte zu schreiben und wenn er einmal das Ziel nicht erreichte, mussten es am nächsten Tag doppelt so viele sein. Was hat ihn immer weitermachen lassen? Er zuckt die Achseln. „Ich war einfach zu stur oder zu dumm, um aufzuhören“, sagt er. „Ich habe einmal den australischen Bestseller-Autor Bryce Courtenay interviewt, und der hat mir gesagt, dass der durchschnittliche Schriftsteller fünf bis sechs Bücher schreibt, bevor er seinen Durchbruch hat. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich erst vier, also schien es mir der Mühe wert, es weiter zu versuchen.“

Es ist kein Zufall, dass die jungen schottischen Krimiautoren von heute gerade während der großen Renaissance der schottischen Noir-Literatur groß geworden sind, die mit Trainspotting begonnen hatte. Neben Ian Rankin ist es vor allem Irvine Welsh, der die Grundlagen für Schottisch-Noir gelegt hat. „Ich erinnere mich, wie ich Acid House gelesen habe und völlig begeistert war, wie ich dachte: ,Wie kommt er nur damit durch?‘ Ich habe es geliebt, und auch Alan Warner und Duncan McLeans Bunker Man.“

Fragt man Tony Black, ob Gus Dury sich auch eine Serie von zwanzig oder mehr Büchern überbestehen könnte, bleibt er auf dem Boden der Tatsachen. „Er ist eine Figur, über die zu schreiben mir Spaß macht. Es passiert unglaublich viel in seinem Leben: Da sind die Qualen seiner Vergangenheit, das Schlachtfeld der Ehe mit seiner Frau, der Kampf gegen den Alkohol und seine gescheiterte Karriere. Er ist eine Person, mit der ich noch lange nicht fertig bin, die ich gern noch ein bisschen besser kennen lernen möchte. Er hat sicherlich einige Jahre vor sich, bevor seine Leber versagt. Wie lange genau es dauern wird, weiß allerdings niemand. Es ist toll, wenn ein frisch gebackener Autor die Möglichkeit hat, so weit vorauszuplanen, doch ich persönlich kann wirklich nur bis zum nächsten Roman denken. Ich habe Ideen für andere Bücher, und sollte ich trotzdem nichts anderes mehr schreiben als Gus Dury-Romane, werde ich mich darüber auch nicht beklagen. Gus wird es mir höchstwahrscheinlich sagen, wenn er genug hat. Oder ich werde es ihm sagen.“

Erschienen am 19. Juli 2008 in The Scotsmen, Edinburgh

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger