Gus Durys Edinburgh

»Bei Beerdigungen bekomme ich immer feuchte Augen«, sagt Gus Dury gleich zu Beginn von Geopfert (Paying for It) - womit er für einen schottischen Mann aus der Arbeiterklasse als ungewöhnlich empfindsam erscheint. Noch auf der gleichen Seiten wird das aber relativiert: »In meiner Branche kommt es nicht gut rüber, wenn man solche Dinge wie Beerdigungen und Todesfälle zu sehr an sich ranlässt.« Damit ist Dury auch schon perfekt umschrieben: Ein Mann der Gegensätze, ein Liebhaber und zugleich ein Kämpfer. Falls hinter seinen eiskalten keltischen Augen eine Gefühlsregung ansteht, wird sie unterdrückt, verborgen unter einer kräftigen Whiskyfahne und nicht verhohlenen Galgenhumor.

Dury ist aus einem harten Stein gemeißelt. Sein Vater, ein Alkoholiker und ehemaliger Fußballerspieler - den er als »gnadenlosen Ausputzer« beschreibt, »neben dem selbst Vinnie Jones wie ein Shandy-Nuckler ausgesehen hätte« - hat bei ihm tiefste Narben hinterlassen. Spott und Hohn in seiner Kindheit haben ihn geprägt, und auch die Prügel - nicht nur die er bekommen hat, sondern auch die, die seine Mutter einstecken musste - verfolgen ihn bis ins Erwachsenenalter. Vielleicht ist es deshalb nicht weiter überraschend, dass Dury Trost in der Flasche sucht. Er trinkt, um zu vergessen, um die Vergangenheit zu verdrängen.

Am Anfang von Geopfert sehen wir Dury, der sich in seinem inzwischen vertrauten Tempel verkrochen hat, dem Pub The Holy Wall. Col, der Inhaber des Pubs, hat Dury über viele Jahre einen betäubenden Vergessenstrank serviert; er hat Durys Abstieg vom erfolgreichen Reporter einer überregionalen Tageszeitung zum notorischen Säufer, dessen gekränkter Stolz noch ungeheilt ist, verfolgt. Col nimmt sehr persönlich Anteil an Durys Leben - er weiß, dass Dury momentan weit unter seinem eigentlichen Niveau liegt - »du bist Spitzenqualität, Junge«, versichert er ihm. Aber Dury hört nicht zu; er ist schon zufrieden damit, in sein Bierglas zu starren … und über den Scherbenhaufen zu rätseln, in den er sein Leben verwandelt hat.
Die Karriere als Journalisten-Ass ist Geschichte. Die geliebte Ehefrau ist fort. Familienbeziehungen sind kaum noch existent. Dury weiß, dass er tief gefallen ist. Er ist so weit unten angekommen, dass er keine Möglichkeit sieht, aus eigenen Kräften wieder hochzukommen. Aber ein kleiner Funke glüht in ihm: Sein Gerechtigkeitssinn ist noch intakt. Mag auch sein Leben in die Grütze gegangen sein, die Welt um ihn herum völlig ungerecht sein … doch Dury wird niemals müde werden, darauf hinzuweisen. Die Entrüstung treibt ihn an.

Wie gesagt, um die Beerdigung am Anfang von GEOPFERT hätte Dury am liebsten einen großen Bogen geschlagen. Doch sein Pflichtgefühl zwingt ihn, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Sein alter Freund Col aus dem Holy Wall erzählt ihm, dessen Sohn Billy sei auf dem Edinburgher Hausberg Arthur’s Seat erschlagen worden. „Der Junge war ja gerade mal zwanzig“, bemerkt Dury. Er weiß, welche Katastrophe das für seinen Freund darstellt, und als Col ihn bittet, zur Abwechslung von seinem investigativen Können Gebrauch zu machen, willigt Dury zögernd ein, Billy Boys Tod zu untersuchen.

Von Anfang an fragt sich Dury, worauf er sich da eingelassen hat. Während er auf dem Calton Hill sitzt und seinen Blick über die krummen Turmspitzen von Edinburghs Old Town und die geometrische Präzision der New Town wandern lässt, fühlt er sich genau so gespalten wie die schizophrene schottische Hauptstadt, die auch Jekyll und Hyde zur Welt gebracht hat. Dury ist ein zerrissener Mann. Einerseits will er seinem Freund helfen, andererseits aber wird er zugleich von Selbstzweifeln zerfressen. Wie, fragt er sich, soll ein abgewrackter Alkoholiker die Antworten finden, die Col sucht?

Als Dury mit seinen Nachforschungen beginnt, geht es mit seinem ohnehin gestörten Privatleben weiter bergab: Debs, seine von ihm getrennt lebende Frau, reicht offiziell die Scheidung ein. Seine Mutter möchte, dass er sich mit seinem Vater endlich aussöhnt, der nach mehreren schweren Herzinfarkten im Sterben liegt. Es ist, als würden ihn diese zusätzlichen Belastungen erst recht anspornen. Dury macht es zu seiner Mission, die Gerechtigkeit im korrupten Edinburgh wiederherzustellen; in seinem monomanischen Seelenzustand meint er, alles andere werde sich ebenfalls fügen, wenn er dieses eine Unrecht in Ordnung bringt. Glaubt Dury vielleicht unbewusst, dass alles wieder gut wird, wenn er sich als leistungsfähig erweist, wertvoll, oder auch nur ein einziges Problem der Welt lösen kann?

Während er Billy Boys Mördern durch ein Edinburgh folgt, das sich von der Stadt seiner Jugend sehr unterscheidet, schwelgt Dury in Erinnerungen an die Zeit, als der er dort aufwuchs. Die geteilte Stadt von Trainspotting und ebenso die von Miss Jean Broadie hat eine nicht minder dunkle Vergangenheit als Dury, die Straßen mit Kopfsteinpflaster und die gewundenen mittelalterlichen Gassen sind ein Spiegelbild seiner labyrinthischen Nachforschungen. Schon bald sieht sich Dury mit der Teilung der Stadt in reich und arm konfrontiert, während Schleuser mit Politikern und dem organisierten Verbrechen rangeln.

Die schöne gotische Stadt Edinburgh mag der Traum eines jeden Touristen sein, aber das dunkle Herz, das Gus Dury enthüllt, erweist sich als etwas sehr anderes. Wie einer der ersten Kritiker bemerkte: „Alles ist ausgesprochen unschön, und schon bald wird jemand dafür geopfert.“

Tony Black, März 2011